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Herr Enke erkundete Räume in der Friedrichstraße 12 in Berlin-Kreuzberg, die sich als ideal für die Schaffung einer Begegnungsstätte erwiesen. Allen Beteiligten gefielen diese Räumlichkeiten. Mit der finanziellen Unterstützung der damaligen Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport und vielen gehörlosen Helfern konnten in einem alten Fabrikgebäude in der Friedrichstraße 12 Räume angemietet und eingerichtet werden. Gehörlose und hlörende arbeiteten Hand in Hand.

Am 18. Februar 1976 wurde die Begegnungsstätte eröffnet. In den Räumen hatten nun die Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen in Berlin e. V. und der Verband zur Förderung der

Berliner Gehörlosen e.V. ihren Sitz und konnten ihre bisherige gute Zusammenarbeit weiter fortführen. Die Betreuung von gehörlosen Kindern und Jugendlichen war besonders wichtig. Deshalb wurden ein Miniclub für die Betreuung kleiner Kinder und eine Bastelgruppe für größere Kinder eingerichtet. Die Angebote für Kinder und Jugendliche wurden in den folgenden Monaten und Jahren weiter angepasst und ausgebaut.

Außerdem wurde eine Sprechstunde für gehörlose Erwachsene eingerichtet. Hier erhielten Gehörlose Unterstützung zum Beispiel bei der Beantragung von Hilflosenpflegegeld, Anerkennung von 100% MdE (heute: GdB – Grad der Behinderung) für Gehörlose und der Beschaffung von technischen Hilfsmitteln.

Eine Begegnungsstätte voller Leben und Aktivität

In den folgenden Jahren wurden die Angebote in der Begegnungsstätte erweitert. Es gab nicht nur Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche, sondern auch Beratung für deren Eltern und vor allem für erwachsene Gehörlose. Es fanden wöchentliche Treffen statt als Austauschmöglichkeit für Eltern (Montags für gehörlose und Donnerstags für hörende Eltern). Aktivitäten wurden von beiden Gruppen gemeinschaftlich

veranstaltet (z. B. Ausflüge in den Heidepark und Serengetipark, Besichtigung des Funkturms und des Schiffshebewerkes, Picknicks und Ostereiersuche). Jeden Donnerstag traf sich eine Gehörlosen-Bastelgruppe, die von Ursula Tabbert angeleitet wurde. Die kunstvoll gestalteten Sachen wurden auf dem Rixdorfer Weihnachtmarkt verkauft. Außerdem wurden in Kooperation mit der Volkshochschule verschiedene Kurse angeboten, nicht nur Gebärden- Sprachkurse für Hörende, sondern auch Absehkurse für Spätertaubte.

Jedes Jahr wurde gemeinsam zum Tag der Gehörlosen ein Straßen- und Kinderfest organisiert. Aber auch die politische Arbeit war ein wichtiges Thema. Die GFGB setzte sich zum Beispiel für die Einführung des Pflegegeldes für Gehörlose im Land Berlin ein.

Ende 1981 beschloss das Abgeordnetenhaus von Berlin das „Gesetz über die Gewährung von Leistungen an Zivilblinde, Gehörlose und Hilflose (ZGHG)“. Damit wurden die Gehörlosen den Blinden und Hilflosen gleichgestellt. Vorher mussten viele Gehörlose das so genannte Hilflosengeld einklagen. Mit dem neuen Gesetz hatten die Gehörlosen einen rechtlichen Anspruch auf diese Unterstützung.

Berlin war damit das erste und 14 Jahre lang das einzige Bundesland, das Gehörlosengeld zahlte.


Planung und Bau des Kultur- und Freizeitzentrums für Gehörlose

Seit der Gründung der Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen in Berlin e. V. wurde an dem Ziel festgehalten, ein Kultur- und Freizeitzentrum für Gehörlose zu schaffen. Bereits Ende der 1970er Jahre gab es erste Pläne. Die GFGB erhielt dabei eine große Unterstützung durch den Architekten Herr Dipl.-Ingenieur Joachim Schmidt, der ehrenamtlich Pläne für das neue Gehörlosenzentrum entwarf und das Vorhaben begleitete.

Erst im Jahre 1987 konnten im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) die Pläne verwirklicht werden. Die südliche Friedrichstadt war damals ein großer Baubereich der IBA. In die Bauplanung sollten das alte Fabrikgebäude in der Friedrichstraße 12 sowie die beiden leeren Grundstücke Friedrichstraße 11 und 12 einbezogen werden. Die Entwürfe von Architekt Schmidt wurden dabei ebenfalls berücksichtigt. Das Gehörlosenzentrum sollte in der 1. und 2. Etage entstehen mit einem großen Saal und mehreren Vereins- und Büroräumen. Im Erdgeschoss wurde zusätzlich ein Cafe mit einer Kegelbahn geplant.

Deshalb wurden bereits in den Jahren zuvor viele Spenden gesammelt. Aber auch die Unterstützung der Mitglieder waren ein wichtiger Beitrag. Nach jahrelangen Vorarbeiten, vielen Plänen, Anträgen und Gesprächen wurde am 2. April 1990 endlich der Grundstein gelegt für den Bau des neuen Kultur- und Freizeitzentrums.

Herr Dietmar Kiele ( Jahrelanger 1. Vorsitzender der GFGB) und Frau Bärbel Fiedler (damalige Geschäftsführerin der GFGB) haben viel dazu beigetragen. Für die übrigen Geschäfts- und Wohnräume im Objekt Friedrichstraße 10-12 konnte im Jahr 1988 die GSW als Bauträger gewonnen werden. Zwei Jahre vor der IBA, im Jahre 1985, wurde vom Berliner Senat ein Zuschuss in Höhe von 5 Millionen DM für den Bau des Zentrums bewilligt. In der Zukunft zeichnete sich jedoch ab, dass die Kosten letztendlich weitaus höher liegen würden.

Ein weiterer wichtiger Schritt war die Übernahme des Hauses Friedrichstraße 12 durch das Bezirksamt Kreuzberg.Das Bezirksamt überließ das Grundstück der GFGB im Rahmen eines Erbbau- Pachtvertrages. Das Gehörlosenzentrum konnte selbstverständlich nicht ohne einen Anteil an Eigenleistungen errichtet werden.

Nach einer Bauzeit von über zwei Jahren konnte am 17. Juni 1992 das Richtfest gefeiert werden. Aber es gab immer noch sehr viel zu tun und die Bauarbeiten verlängerten sich immer wieder. Im Januar 1993 konnte die Beratungsstelle in den neuen Räumen zwischen Zementkübeln und Farbeimern eröffnet werden, jedoch noch in provisorisch errichteten Räumen und mit eingeschränktem Bürobetrieb; denn mehr war laut Bauaufsicht noch nicht erlaubt.

Am 20. Januar 1994 konnte dann endlich das neue Kultur- und Freizeitzentrum feierlich eröffnet werden.



In dem neuen Zentrum standen ein großer und ein kleiner Saal, ein Barraum sowie ein Seminarraum für Veranstaltungen zur Verfügung. Außerdem erhielt der Kinder- und Jugenddub ausreichend Räume für die Betreuung. Neben der Beratungsstelle für gehörlose Menschen waren nun auch verschiedene Vereinsräume vorhanden. Das Restaurant mit der Kegelbahn sollte eine Brücke zwischen Gehörlosen und Hörenden schaffen.

Im Foyer wurde eine Skulptur des gehörlosen Künstlers Jean-Pierre Malaussena installiert, die er für das Gehörlosenzentrum entwarf. Die Skulptur zeigt drei gebärdene Figuren – „Gehörlos“-„Kultur“-„Berlin“.

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Über dem Eingang Friedrichstraße 12 wurde 1997 ein Relief von dem gehörlosen Künstler Marek Lipowski angebracht, auf dem in Gebärdenhänden (Fingeralphabet) das Wort „Gehörlosenzentrum“ zu sehen ist.

Das Gehörlosenzentrum wird bis heute von der Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen in Berlin e.V. verwaltet. Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales unterstützt den Erhalt mit einer jährlichen Zuwendung. Aber auch die Gehörlosenvereine und -verbände, Nutzer und Mitglieder müssen ihren Beitrag leisten, damit das Zentrum als Begegnungsstätte für die Gehörlosen erhalten bleibt.